Lebensmut trotz Zitterkrankheit

Seine erste Bekanntschaft mit „Mister P“, wie er seine Erkrankung nennt, machte Jürgen Mette im Alter von acht oder neun Jahren. Damals kam ein befreundetes Ehepaar zu Besuch. Der Herr, der nur mit Mühe aus dem Auto steigen konnte, zitterte am ganzen Körper und musste zum Kaffeetrinken einen Umhang tragen. An diesem Abend betete Jürgen Mette voller Inbrunst: „ Lieber Gott, mach bitte, dass ich nie diese Zitterkrankheit bekomme!“ Dieses Gebet muss damals irgendwo zwischen Himmel und Erde verloren gegangen sein, denn etwa 50 Jahre später erhielt er selbst die Diagnose „Parkinson“.

Parkinson aktuell: Im Jahr 2009 haben Sie die Diagnose erhalten, 2013 ist Ihr Buch erschienen, in dem Sie sehr offen über Ihre Erkrankung schreiben. Seitdem haben Sie etwa 300 Vorträge darüber gehalten. Was war und ist Ihre Motivation für diese Art von Öffentlichkeitsarbeit?
Jürgen Mette: Das Buch selbst ist auf Drängen meines Verlegers entstanden, der einige Probekapitel gelesen hatte. Dass es auch therapeutisch auf mich wirkte, habe ich erst hinterher gespürt: Das Schreiben dieses Buches war ein Befreiungsschlag wider die Angst und die Sorge.
Parkinson aktuell: Was ist Ihre Botschaft?
Jürgen Mette: Ich erlebe auf den Veranstaltungen viele Menschen, die von der Diagnose betroffen und verzweifelt sind. Meine Mission ist zu zeigen, dass man auch mit einer unheilbaren Krankheit ein erfülltes Leben haben kann. Und ich möchte anderen Parkinson-Patienten Mut machen, sich nicht die Butter von der Brezel nehmen zu lassen.
Parkinson aktuell: Sie spielen damit auf eine Situation an, die Sie in einer Bäckerei erlebt haben. Da weigerte sich die Mitarbeiterin, Ihnen eine Brezel Lebensmut trotz Zitterkrankheit 4 Schwerpunkt © SG- design – Fotolia.com mit Butter zu bestreichen, obwohl Sie höflichst darum gebeten hatten.
Jürgen Mette: Ja, aber nachdem ich dem Geschäftsführer der Bäckereikette eine E-Mail geschrieben hatte, bekam ich beim nächsten Besuch in der Filiale meine Butterbrezel sofort. (lacht) Viele Mitmenschen, die uns unsere Grenzen spüren lassen, sind einfach nur gedankenlos. Und die Frage „Was kannst du noch?“ ist meist nur eine Frage der Relation, also eine Frage, mit wem man sich vergleicht.
Parkinson aktuell: Sie haben den Satz geprägt „Heil sein ist wichtiger als geheilt zu sein“. Wie ist das zu verstehen?
Jürgen Mette: Heilung ist Aufgabe der Ärzte. Heil zu sein bedeutet für mich hingegen völlige Gelassenheit, das Sich-Hineinfinden, dass Gott mir diese Schule zumutet. Ich fühle mich nicht benachteiligt, sondern bevorzugt. Das kann ich mit ganzer Überzeugung sagen. Deshalb bin ich so ein fröhlicher Mensch geblieben. Ohne diese innere Gewissheit wäre ich verzweifelt.
Parkinson aktuell: Belastet Sie das Wissen, unheilbar krank zu sein, denn nicht?
Jürgen Mette: Der körperliche Fortgang der Erkrankung nagt durchaus an mir. Dabei bin ich ein verwöhnter Parkinson-Patient, weil es mir nach sieben Jahren noch so gut geht. Allerdings habe ich mich auf den Spruch „Nach fünf Jahren ist der Honeymoon vorbei, da geht es mit Parkinson erst richtig los“ nie eingelassen. Ich nehme jeden Tag als neue Chance. Und ich weiß, dass ich selbst etwas tun kann: regelmäßiger Sport oder auf mein Gewicht achten zum Beispiel. Würde ich mich hier disziplinieren, ginge ich es mir sicher noch besser.
Parkinson aktuell: Welche Erfahrungen haben Sie als Patient gemacht?
Jürgen Mette: Ich bin der Physiotherapie, der Neurologie und der Pharmaindustrie sehr dankbar für all die Errungenschaften, von denen ich heute profitiere. Aber ich weiß, das ist nur eine Seite der Kunst, die mir das Leben erträglich macht. Bei der Bewältigung meiner Krise nach der Diagnose haben mir persönlich vor allem die heilende Kraft der Musik von Johann Sebastian Bach und Texte von Paul Gerhardt geholfen. Nach den Erfahrungen mit verschiedenen Vertretern der Zunft ist mir vor allem aber eine Botschaft an Ärzte wichtig: Lernt zu kommunizieren!

Jürgen Mette (geb. 1952) ist evangelischer Theologe und leitete von 1997 bis 2013 die „Stiftung Marburger Medien“, für die er seitdem ehrenamtlich als theologischer Referent tätig ist. Seit 2009 lebt er mit der Diagnose Morbus Parkinson. Über seine Erfahrungen mit dieser Krankheit schrieb er das Buch „Alles außer Mikado – Leben mit Parkinson“, das 2013 erschienen ist. Jürgen Mette ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne und sechs Enkelkinder.

Parkinson aktuell: Was hat die Diagnose positiv in Ihrem Leben verändert?
Jürgen Mette: Viele Leute, die mich noch von meiner früheren Tätigkeit als Pastor und Referent kennen, sagen, dass ich heute ganz anders auftrete und referiere. Früher war ich im Elfenbeinturm meiner Theologie, heute wirke ich nicht mehr so sicher, so überzeugt. Heute spürt man meine Zerbrechlichkeit, und die Menschen sagen, man nehme mir jetzt ab, was ich predige. Für mich persönlich musste ich diesen Einschnitt erleben, um zu einer neuen Lebensqualität zu kommen. Ich würde sogar sagen: Mein zweites Leben ist kostbarer als mein erstes – selbst wenn ich die schwerste Phase meines Lebens möglicherweise noch vor mir habe.

Mette, Jürgen
Alles außer Mikado – Leben mit Parkinson ISBN: 9783865917621 Gerth Medien, 2013
192 Seiten