Wenn das Lachen verloren geht

Apa­thie, Müdig­keit, Gewichts­ver­lust und Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen sind Sym­pto­me, die vie­le Par­kin­son-Pati­en­ten aus eige­ner Erfah­rung ken­nen. Doch nicht immer steckt hin­ter die­sen Beschwer­den „nur“ ein Mor­bus Par­kin­son. Bei etwa jedem drit­ten Betrof­fe­nen ist viel­mehr eine Depres­si­on für die Sym­pto­me (mit-)verantwortlich. Und gera­de die­se Über­lap­pung der Sym­pto­me macht die Dia­gno­se einer depres­si­ven Stö­rung bei Mor­bus Par­kin­son so schwer. Denn neben oben genann­ten Beschwer­den ähnelt sich auch die „Kör­per­spra­che“ der Erkran­kun­gen: In bei­den Fäl­len gehen Pati­en­ten gebeugt, die Moto­rik ist ver­lang­samt, die Mimik weni­ger aus­ge­prägt, die Spra­che lei­ser und undeut­li­cher. Ent­spre­chend kom­pli­ziert ist es her­aus­zu­fin­den, ob „nur“ eine Depres­si­on, ein Par­kin­son-Syn­drom allein oder eine Kom­bi­na­ti­on aus bei­dem vor­liegt. Erschwe­rend dazu kommt, dass es ver­schie­de­ne For­men der Depres­si­on gibt. Die häu­figs­te bei Par­kin­son auf­tre­ten­de depres­si­ve Stö­rung ist die soge­nann­te sekun­dä­re Depres­si­on. Sie ist die direk­te Fol­ge des bei Par­kin­son ver­än­der­ten Hirn­stoff­wech­sels, der nach neu­es­ten Erkennt­nis­sen nicht nur das Dopa­min, son­dern auch ande­re che­mi­sche Boten­stof­fe des Gehirns betrifft, dar­un­ter das „Glücks­hor­mon“ Sero­to­nin. Und da die­se Ver­än­de­run­gen bereits Jah­re vor den sicht­ba­ren, moto­ri­schen Sym­pto­men auf­tre­ten, beginnt eine Par­kin­son-Erkran­kung häu­fig auch mit psy­chi­schen Sym­pto­men wie depres­si­ver Ver­stim­mung, Reiz­bar­keit, Ängst­lich­keit oder sozia­lem Rück­zug, die nicht durch eine belas­ten­de Lebens­si­tua­ti­on erklärt wer­den kön­nen. Viel­mehr sind sie Vor­bo­ten der neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ven Erkran­kung. Damit unter­schei­det sich die sekun­dä­re Depres­si­on von der viel bekann­te­ren pri­mä­ren Depres­si­on (Major Depres­si­on), deren Ursa­che For­scher in einem kom­ple­xen Zusam­men­spiel von gene­ti­schen Fak­to­ren, lebens­ge­schicht­li­chen Ereig­nis­sen und sozia­len Fak­to­ren sehen und die oft durch ein kri­ti­sches Lebens­er­eig­nis aus­ge­löst wird. Auch die Emp­fin­dun­gen, die Betrof­fe­ne durch die psy­chi­sche Erkran­kung ent­wi­ckeln, unter­schei­den sich bei pri­mä­rer und sekun­dä­rer Depres­si­on. So zei­gen Pati­en­ten mit sekun­dä­rer Depres­si­on sel­te­ner die für die Major-Depres­si­on typi­schen Schuld- und Ver­sa­gens­ge­füh­le. Statt­des­sen sind sie eher miss­mu­tig, gereizt, trau­rig oder pes­si­mis­tisch. Auch Gedan­ken an den Tod, die bei einer chro­ni­schen, nicht heil­ba­ren Erkran­kung durch­aus nor­mal sind, dür­fen nicht mit den bei der Major-Depres­si­on häu­fig auf­tre­ten­den Sui­zid­ge­dan­ken ver­wech­selt wer­den.

Diagnose als Schock

Als eine Art „reak­ti­ve“ Depres­si­on bezeich­nen Exper­ten die soge­nann­ten Anpas­sungs­stö­run­gen, die sich typi­scher­wei­se nach der für vie­le Betrof­fe­ne scho­ckie­ren­den Dia­gno­se oder am Ende der soge­nann­ten Honey­moon-Pha­se ent­wi­ckeln, wenn die Wirk­sam­keit der bis­lang ein­ge­setz­ten Medi­ka­men­te zuneh­mend nach­lässt. Und anders als oben genann­te Depres­si­ons­for­men dau­ern Anpas­sungs­stö­run­gen bei Wei­tem nicht so lan­ge (maxi­mal sechs Mona­te gegen­über bis zu 2 Jah­ren), die Sym­pto­me sind auch deut­lich schwä­cher aus­ge­prägt. Wer­den die äuße­ren Belas­tun­gen beherrsch­bar, bei­spiels­wei­se durch Auf­nah­me bezie­hungs­wei­se Umstel­lung der Medi­ka­ti­on, bil­det sich der depres­si­ve Zustand auch wie­der zurück.

Apathie oder Depression?

Nicht mit einer Depres­si­on ver­wech­selt wer­den darf hin­ge­gen das bei Par­kin­son-Pati­en­ten eben­falls häu­fig auf­tre­ten­de Syn­drom der Apa­thie. Dahin­ter ver­steckt sich ein Antriebs­de­fi­zit, das im Gegen­satz zur Depres­si­on jedoch „auf­hell­bar“ ist. Gelingt es näm­lich, einen unter Apa­thie lei­den­den Pati­en­ten doch zu einer Akti­vi­tät zu moti­vie­ren, emp­fin­det er das Erleb­nis im Nach­hin­ein als ange­nehm oder inter­es­sant. Einem depres­si­ven Pati­en­ten wür­de dies nie gelin­gen.

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Antriebs­los bei Mor­bus Par­kin­son – was steckt dahin­ter? Lässt sich ein unter Apa­thie lei­den­der Pati­ent zu einer Unter­neh­mung moti­vie­ren, beur­teilt er das Erleb­nis im Nach­hin­ein als posi­tiv. Ein depres­si­ver Pati­ent wür­de dies nicht so emp­fin­den.
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Unab­hän­gig von der Depres­si­ons­form müs­sen sich Betrof­fe­ne jedoch nicht mit ihrer schlech­ten see­li­schen Ver­fas­sung und damit auch deut­lich ein­ge­schränk­ten Lebens­qua­li­tät abfin­den. Denn in den meis­ten Fäl­len ist eine Behand­lung der Beschwer­den mög­lich. Wich­tig ist hier­für aller­dings die genaue Unter­schei­dung, wel­che Depres­si­ons­form im Ein­zel­fall vor­liegt. Dann ste­hen neben eini­gen Par­kin­son­me­di­ka­men­ten mit anti­de­pres­si­ver Wir­kung (z. B. Dopa­mi­na­go­nis­ten) auch Anti­de­pres­si­va zur Ver­fü­gung, bei deren Aus­wahl jedoch mög­li­che Wech­sel­wir­kun­gen mit der Par­kin­son-Medi­ka­ti­on berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Auch psy­cho­lo­gi­sche Maß­nah­men kön­nen hel­fen, das see­li­sche Gleich­ge­wicht wie­der­zu­fin­den. Gera­de bei älte­ren Pati­en­ten hat sich eine Kom­bi­na­ti­on von Medi­ka­men­ten mit Psy­cho­the­ra­pie als wirk­sam erwie­sen, da hier­bei auch Aspek­te wie die krank­heits­be­ding­ten Ver­än­de­run­gen in der Part­ner­schaft berück­sich­tigt wer­den kön­nen. Ein ver­trau­ens­vol­les Gespräch mit Ihrem Arzt, bei dem Sie auch Ihre psy­chi­sche Ver­fas­sung the­ma­ti­sie­ren, lohnt sich also.